Obwohl Südkorea eines der technologisch fortschrittlichsten Länder der Welt ist, ist es neben China und Nordkorea immer noch eines der wenigen Länder, in denen Google Maps keine umfassende Navigation und Echtzeit-Reiseanweisungen bereitstellen kann. Im Kern geht es um die Frage, ob Google die detaillierten Kartendaten Südkoreas auf seine Server im Ausland exportieren darf.

Ein Regierungsausschuss bestehend aus Beamten der südkoreanischen Verteidigungs-, Außen-, Transport- und Geheimdienstbehörden verzögerte erneut eine Entscheidung mit der Begründung, dass eine weitere Überprüfung der nationalen Sicherheitsrisiken und ihrer umfassenderen Auswirkungen auf die Industrie erforderlich sei. Der Prüfzeitraum wurde zum zweiten Mal bis 2025 verlängert und die endgültige Entscheidung wird auf Oktober verschoben.
Mit der Anfrage von Google geht es konkret um die Erlaubnis, hochpräzise Karten im Maßstab 1:5.000 exportieren zu dürfen, die einzelne Gebäude, Gassen und Geländemerkmale erkennen könnten, wobei 1 Zentimeter auf der Karte tatsächlich 50 Meter entspricht. Die südkoreanische Regierung argumentiert seit langem, dass solche Daten den Standort sensibler Standorte, einschließlich Militärstützpunkten und kritischer Infrastruktur, offenbaren könnten, was angesichts der anhaltenden Spannungen auf der koreanischen Halbinsel weiterhin ein großes Problem darstellt.
Südkoreas Kartendaten werden von den lokalen Portalgiganten Naver und Kakao verwaltet, deren Plattformen den digitalen Raum dominieren. Diese Unternehmen bieten umfassende Karten-, Such- und Zahlungsdienste an, alle Kartendaten werden jedoch auf inländischen Servern gespeichert.

In Südkorea fehlt bei Google Maps eine Wegbeschreibung zu Fuß (links). Während die Routen öffentlicher Verkehrsmittel in Echtzeit aktualisiert werden können, werden im Gehbereich nur grobe gestrichelte Linien und keine detaillierte Turn-by-Turn-Navigation angezeigt (rechts). Quelle: „Korea Herald“
Diese Einschränkung bedeutet, dass Google nur südkoreanische Karten mit geringem Detaillierungsgrad im Maßstab 1:25.000 anzeigen kann, sodass Nutzer keine Routen in Echtzeit erhalten können. Naver und Kakao haben auf die Maßnahmen von Google reagiert, indem sie ihre jeweiligen Apps aktualisiert, die Unterstützung mehrerer Sprachen erweitert und Funktionen wie Schritt-für-Schritt-Navigationsanleitungen für Ausländer und eine tiefere Integration mit lokalen Händlern hinzugefügt haben.
Der Mangel an weltweit standardisierten Kartierungstools hat Auswirkungen auf die Tourismusbranche. Nach Angaben der Korea Tourism Organization stiegen die Beschwerden über App-Navigationsprobleme im vergangenen Jahr um 71 %, wobei Google Maps 30 % ausmachte.
Reisende beschweren sich häufig über Schwierigkeiten bei der Suche nach Reisezielen, beim Wechseln zwischen Apps und im Umgang mit Sprachbeschränkungen. Technologiebefürworter behaupten, dass die Beschränkungen auch die Innovation unter südkoreanischen Start-ups behindern und es schwieriger machen, Reise- und standortbezogene Dienste mit internationaler Reichweite zu entwickeln.
Besucher Südkoreas haben aufgrund der begrenzten Anzahl an Live-Karten-Apps oft Schwierigkeiten, ihre Reiseziele zu finden.

Koreanische Industriegruppen lehnen die Forderung von Google nach wie vor entschieden ab. 90 % der Unternehmen in der digitalen Kartenbranche äußern ihre Ablehnung aufgrund von Bedenken hinsichtlich einer Konsolidierung des Marktes durch ausländische Unternehmen.
Kim Seok-jong, Präsident der Korean Spatial Information Surveying and Mapping Association, sagte dem Guardian: „Die Regierung muss auf die Bedenken der Branche hören.“ Er warnte davor, dass die Kontrolle von Google über den inländischen Kartenmarkt einen verheerenden Schlag für die gesamte Branche bedeuten könnte.
Der Streit ist auch Teil der laufenden Handelsverhandlungen zwischen Südkorea und den Vereinigten Staaten geworden. Washington hat die Kartenbeschränkungen als „nichttarifäre Handelshemmnisse“ bezeichnet und sich im Rahmen breiterer Wirtschaftsdiskussionen für eine Lockerung der Regeln für grenzüberschreitende Datenströme ausgesprochen.
Während der Verzögerung bot die Regierung Google Alternativen an, darunter den Betrieb inländischer Rechenzentren, ein Ansatz, den lokale Konkurrenten bereits verfolgten. Google bestand jedoch darauf, dass dies den technischen Anforderungen seiner globalen Serverintegration nicht genügen würde.