Mercedes-Benz hat angekündigt, den weiteren Einsatz seiner in Europa und den Vereinigten Staaten eingeführten autonomen Fahrfunktion Drive Pilot Level 3 einzustellen. Die überarbeitete S-Klasse der neuen Generation wird mit dem Verkaufsstart Ende dieses Monats nicht mehr mit diesem bedingten autonomen Fahrsystem „freihändig und ohne Sehvermögen“ ausgestattet sein. Dieser Drive Pilot, der 2023 mit der rein elektrischen Limousine EQS und der Benzinversion der S-Klasse auf den Markt kam, war eines der ersten L3-Systeme der Welt, das für normale Verbraucher zugänglich war. In Stauszenarien auf der Autobahn kann es den Fahrern ermöglichen, bei einer Höchstgeschwindigkeit von etwa 40 Meilen pro Stunde den Blick von der Straße abzuwenden und stattdessen auf dem zentralen Kontrollbildschirm Spiele zu spielen oder Videos anzusehen. Es gilt als großer Fortschritt im Vergleich zum traditionellen „unterstützten Fahren“ auf L2-Niveau.

Grund für die Anpassung von Mercedes-Benz sind laut einem früheren Bericht des deutschen Handelsblatts die mittelmäßige Nutzernachfrage sowie die hohen Kosten für Entwicklung und Massenproduktion der Technologie. Gleichzeitig bereitet das Unternehmen die Einführung eines neuen Systems „Drive Pilot Assist“, intern L2++ genannt, in diesem Jahr vor. Das neue System kann unter städtischen Verkehrsbedingungen eingesetzt werden und ähnelt in seiner Funktionspositionierung dem Tesla Full Self-Driving, erfordert jedoch, dass der Fahrer während des gesamten Vorgangs aufmerksam bleibt und jederzeit die Kontrolle über das Fahrzeug übernimmt. Tobias Miller, ein Sprecher von Mercedes-Benz, sagte, das Unternehmen wolle nicht weiterhin eine Lösung mit „begrenzter Bedeutung für die Kunden“ anbieten, da man bedenke, dass in einigen Jahren ein neues System mit höherem Kundennutzen auf den Markt kommen werde.
Der „Operational Scope“ (ODD) von Drive Pilot ist hinsichtlich technischer und regulatorischer Einschränkungen sehr eng begrenzt: In Europa ist er auf Straßenabschnitte in Deutschland beschränkt und in den USA darf er nur auf einigen Autobahnen in Kalifornien und Nevada eingesetzt werden. Das System muss Bedingungen wie das Steuern des vorausfahrenden Fahrzeugs, klare Straßenmarkierungen, gutes Wetter und gute Beleuchtung usw. erfüllen. Es kann nachts oder an regnerischen Tagen nicht aktiviert werden und erfordert, dass sich die Lichter und Scheibenwischer im automatischen Gang befinden. Auch die Anfahrtsstraße muss vorab von Mercedes-Benz sorgfältig kartiert werden. Diese Reihe von Voraussetzungen hat die Alltagstauglichkeit der Nutzer deutlich geschwächt und auch dazu geführt, dass Mercedes-Benz darüber nachdenkt, künftig Drive Pilot und Drive Pilot Assist zu integrieren und dann bei günstigeren regulatorischen Rahmenbedingungen ein höheres Maß an autonomem Fahren zu fördern.
Bei der Entwicklung des Drive Pilot hat Mercedes-Benz ihn als „den weltweit ersten serienmäßig hergestellten L3“ gepriesen: Bei der Medienerprobung im Jahr 2023 können Fahrgäste während der Fahrt „Tetris“ spielen oder YouTube-Videos auf dem Entertainment-Bildschirm der zentralen Steuerung ansehen; Im Jahr 2024 wurde die zulässige Höchstgeschwindigkeit für den Betrieb des Systems in Deutschland von 64 km/h auf 95 km/h erhöht. Allerdings traten bald hohe Technologiekosten und Lieferkettenprobleme auf. Einer der Hauptgründe war, dass der Lidar-Anbieter Luminar die Anforderungen von Mercedes-Benz nicht erfüllte. Die beiden Parteien beendeten ihre Zusammenarbeit im Jahr 2024, Luminar ging daraufhin in Konkurs. Miller betonte, dass Lidar-Redundanz sehr wichtig sei, um die Einschränkungen von Kameras bei Gegenlicht, schlechten Lichtverhältnissen und anderen Szenarien auszugleichen. Gleichzeitig basiert das System auch auf hochpräzisen Karten, er wies jedoch auch darauf hin, dass mit der Weiterentwicklung der Wahrnehmungsfähigkeiten der künstlichen Intelligenz die Abhängigkeit von extrem hochpräzisen Karten in Zukunft möglicherweise verringert werden könnte.
Die Sicherheit und Praktikabilität des autonomen L3-Fahrens selbst sind in der Branche seit langem umstritten. Studien haben gezeigt, dass es leicht zu Problemen wie Übersteuern, Überbremsen oder langsamer Reaktion kommen kann, wenn ein Fahrzeug über einen längeren Zeitraum unter automatischer Kontrolle steht und die Fahrrechte im Notfall an den Menschen zurückgegeben werden, was zu Risiken für die Kettensicherheit führt. Viele Unternehmen für autonomes Fahren, darunter Waymo und Cruise, haben öffentlich erklärt, dass sie Vorbehalte oder sogar eine negative Einstellung gegenüber dem L3-Modell haben und es vorziehen, direkt in vollständig autonome Fahrsysteme auf L4-Niveau zu investieren, die menschliches Fahren überflüssig machen. Vor diesem Hintergrund hat Mercedes-Benz Drive Pilot vorübergehend eingestellt und stattdessen Ressourcen in ein L2+-System der neuen Generation investiert, das den städtischen Pendelverkehr abdeckt, aber weiterhin die Hauptverantwortung des Fahrers behält. Dies wird als wichtige Anpassung der Produktstrategie für autonomes Fahren angesehen und spiegelt auch die anhaltenden Kompromisse der gesamten Branche in Bezug auf Sicherheitsverantwortung, regulatorisches Umfeld und kommerzielle Umsetzungspfade wider.