Die Polizei von San Francisco ist es gewohnt, bei der Untersuchung von Einbrüchen Überwachungsaufnahmen von umliegenden Geschäften oder Kreuzungen abzurufen. Nun dachten sie, dass dieser Fall einfacher zu lösen wäre, weil sie über ein selbstfahrendes Auto voller Sensoren, Kameras und Fahrtdaten verfügten. Dennoch gab es in diesem Fall keine Fortschritte.

Im Januar dieses Jahres brach ein Dieb in das Hot 8 Yoga-Studio im Marina District von San Francisco ein. Das Verbrechen wurde sehr schnell ausgeführt: Überwachungsaufnahmen zeigten, wie der Verdächtige den Laden betrat, schnell mehrere Gegenstände mitnahm und innerhalb von Minuten wieder verließ. Vor dem Laden wartete ein fahrerloses Waymo-Taxi. Der Tatverdächtige stieg in das Auto und das Fahrzeug fuhr automatisch vom Tatort weg. Fast sechs Monate sind vergangen, und die Polizei hat noch immer keinen Verdächtigen identifiziert und auch keine stichhaltigen Verdächtigen bekannt gegeben.
Bemerkenswert an dem Diebstahl war nicht der Wert der gestohlenen Gegenstände – hauptsächlich Sportbekleidung –, sondern der technische Hintergrund. Waymos neuestes Jaguar-Modell ist mit 29 Kameras ausgestattet, die einen 360-Grad-Panoramablick ermöglichen, und jede Fahrt ist an ein bestimmtes Benutzerkonto gebunden. Für die Ermittler schien es sich zunächst um einen relativ „einfach zu lösenden“ Fall zu handeln. Detective Tim Faye, der den Fall leitete, sagte in einem Interview mit dem San Francisco Chronicle, dass er zunächst dachte, es sei einfacher, den Fall mit Hilfe von Waymo-Fahrzeugen zu lösen, aber das war nicht der Fall und die digitalen Hinweise seien schnell „gelandet“.
Anschließend beantragte die Polizei einen Durchsuchungsbefehl und verlangte Informationen im Zusammenhang mit der Fahrt, einschließlich Kontodaten und Videoaufnahmen im Auto. Der Bericht selbst lieferte jedoch keine wertvollen Hinweise. Genau wie bei herkömmlichen Online-Ride-Hailing-Diensten können Konten auf solchen Plattformen registriert und genutzt werden, indem Zahlungsinformationen oder Wegwerf-Handynummern gestohlen werden, was die Rückverfolgung der wahren Identität erschwert.
Noch problematischer ist das Fehlen und die Grenzen von Videobeweisen. Als die Polizei im April offiziell einen Durchsuchungsbefehl erhielt, hatte Waymo das Video des Vorfalls im Auto nicht mehr gespeichert. Externes Kameramaterial ist weiterhin verfügbar, weist jedoch auch Einschränkungen auf: Gesichter, die außerhalb des Autos aufgenommen wurden, wurden vom System automatisch unkenntlich gemacht, was Teil der allgemeinen Datenschutzmaßnahmen des Unternehmens ist. Faye sagte, dass die Entscheidung des Verdächtigen, Waymo zu nutzen, um das Verbrechen selbst zu begehen, äußerst ungewöhnlich sei, und was noch enttäuschender sei, sei, dass das interne Video der Polizei letztendlich nicht dabei geholfen habe, den Verdächtigen zu identifizieren.
Waymo hat nicht öffentlich bekannt gegeben, wie lange es seine In-Car-Videodaten speichert, und lehnte es ab, sich zu den Einzelheiten des Falles zu äußern. Das Unternehmen betont, dass es die Rechtmäßigkeit der Anfrage der Strafverfolgungsbehörden prüfen und den Umfang der Anfrage gegebenenfalls einschränken wird, um die Privatsphäre der Passagiere zu schützen. Waymo sagte auch, dass es keine Gesichtserkennung oder andere biometrische Daten verwenden werde.
In den letzten Jahren haben Strafverfolgungsbehörden zunehmend vernetzte Fahrzeuge als Mittel zur Beweiserhebung eingesetzt. Am Beispiel von Tesla können Aktivitäten rund um das Fahrzeug von Kameras aufgezeichnet werden, und diese Bilder wurden in mehreren Untersuchungen als Beweismittel verwendet. In einigen Fällen schleppt die Polizei sogar Fahrzeuge ab, die als „potenzielle Beweisträger“ gelten, um zu verhindern, dass Aufzeichnungen überschrieben oder gelöscht werden. Dieser Waymo-Fall zeigt jedoch, dass dieser Ansatz zur Beweiserhebung auch an natürliche Grenzen stößt, wenn Mechanismen zum Schutz der Privatsphäre und Richtlinien zur Datenaufbewahrung ins Spiel kommen.
Derzeit werden vollständig autonome Ride-Hailing-Dienste nur in wenigen Städten erprobt, sodass ähnliche Fälle selten sind. Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich letztes Jahr in Los Angeles. Ein Verdächtiger bestieg nach einem Raubüberfall ebenfalls einen Waymo, doch die Polizei stoppte das Fahrzeug erfolgreich, indem sie ihre Polizeilichter einschaltete, und konnte die Situation rechtzeitig unter Kontrolle bringen. Im Gegensatz dazu scheint der Ausgang des San Francisco-Falls ungeklärt zu sein.
Für das betroffene Yogastudio ist der Vorfall mittlerweile eher eine „Anekdote“ als eine echte Katastrophe. Filialleiterin Farah Issa sagte, dass das Ausmaß des Diebstahls anhand der Überwachungsaufnahmen, die sie gesehen habe, nicht hoch sei. „Ich fand es ziemlich lustig“, sagte sie. „Er hat gerade ein paar Herrenshorts gestohlen.“
Während das Verbrechen an sich nicht schwerwiegend ist, verdeutlicht der Vorfall ein umfassenderes Problem: Wenn selbstfahrende Systeme darauf ausgelegt sind, rund um die Uhr eine 360-Grad-Ansicht rund um ein Fahrzeug zu erfassen, diese Daten jedoch anschließend gefiltert, anonymisiert oder nicht mehr gespeichert werden, können sie tatsächlich nur sehr wenige Hinweise für eine Untersuchung liefern.