Die Branchenallianz „Alliance for Open Media“ (AOMedia) hat kürzlich Version 1.0.0 der AV2-Spezifikation und des Referenzcodes veröffentlicht und markiert damit den ersten wichtigen Meilenstein für diese neue Generation von Open-Source-Videokodierungsstandards. Auf dieser Basis können Software- und Hardwarehersteller nun damit beginnen, AV2 in verschiedene Medien- und Technologieprodukte zu integrieren.

AV2 basiert auf der gleichen Technologie wie AV1 und setzt den Weg der „Open Source, lizenzfreien“ fort. Es ist hauptsächlich auf Video-Workloads wie die Übertragung und Transkodierung von Streaming-Medien ausgerichtet und bietet Alternativen zu Standards wie AVC/H.264, HEVC/H.265 und dem neueren VVC (Versatile Video Coding), für die noch Patentgebühren gezahlt werden müssen. Die endgültige AV1-Spezifikation wurde 2018 veröffentlicht und die Akzeptanz in der Branche hat sich in den folgenden Jahren beschleunigt, wobei große Streaming-Plattformen, darunter Netflix, die Bereitstellung dieses lizenzfreien Kodierungsformats beschleunigten. Im Gegensatz dazu wurde die AV2-Spezifikation später als ursprünglich erwartet fertiggestellt und sollte ursprünglich im Jahr 2025 eingeführt werden. Jetzt, wo sie offiziell veröffentlicht wird, wird sie offiziell als „Standard der nächsten Generation“ positioniert, der AV1 in Bezug auf Bildqualität, Funktionsunterstützung und Komprimierungseffizienz bei weitem übertrifft.
Ersten Testergebnissen zufolge ist die Komprimierungseffizienz von AV2 etwa 30 % höher als die von AV1 und bietet deutlichere Vorteile gegenüber Kodierungsstandards früherer Generationen wie VP9 und H.264. Laut AOMedia soll AV2 eine „bessere“ Komprimierungseffizienz bieten und es Inhaltsanbietern ermöglichen, qualitativ hochwertige Videobilder mit einer deutlich reduzierten Bitrate beizubehalten oder visuelle Effekte bei derselben Bitrate weiter zu verbessern. Für große Anbieter von Streaming-Mediendiensten und Inhaltsvertriebsnetzwerken wird erwartet, dass sich dies direkt in geringeren Bandbreitenkosten und einer verbesserten Benutzerwahrnehmung niederschlägt.
Aus Sicht der Anwendungsszenarien ist AV2 für die vielfältigen Anforderungen der aktuellen Videobranche optimiert und deckt Online-Video-on-Demand und Live-Übertragungen, traditionelles Radio und Fernsehen sowie Echtzeit-Videokonferenzen ab. Der neue Standard stärkt außerdem die Unterstützung für Mixed-Reality-Szenen und berücksichtigt Mehrkanal-Video-Splicing (z. B. geteilte Bildschirmbilder, die mehrere Signale gleichzeitig zeigen) sowie mehr Ebenen von Bildqualitätsoptionen zur Anpassung an verschiedene Geräte und Netzwerkbedingungen, von mobilen Endgeräten bis hin zu Großbild-Terminals.
AOMedia wurde 2015 mit dem Ziel gegründet, die Formulierung und Implementierung einer neuen Generation offener Videostandards nach Google VP9 voranzutreiben. Zu den Mitgliedern dieser gemeinnützigen Organisation zählen große Technologieunternehmen wie Amazon, Google, Intel, Nvidia, Microsoft usw., aber auch kleinere Technologieinstitutionen wie Mozilla. Zu seinen Mitgliedern zählen Cloud-Dienstleister, Chiplieferanten, Browser und Softwarehersteller. Ziel ist es, die Fragmentierung und die hohen Kosten, die durch Videopatentstandards verursacht werden, durch industrielle Zusammenarbeit zu verringern.
Vor AV2 hatte AV1, das von AOMedia eingeführt wurde, erste Erfolge in der Branche erzielt. Derzeit unterstützen viele moderne GPUs von Nvidia und AMD bereits die AV1-Hardware-Kodierung und -Dekodierung und sind mit herkömmlichen Formaten kompatibel. Allerdings ist die Hardware-Unterstützung für VVC, das ebenfalls auf eine effiziente Komprimierung ausgelegt ist, vergleichsweise dürftig, obwohl der Standard bereits 2020 veröffentlicht wurde. Wie AV1 hofft auch AV2, durch ein lizenzgebührenfreies Modell die komplexe Lizenzstruktur des Patentpools zu umgehen und so den Einfluss traditioneller patentierter Videostandards auf dem Markt weiter abzuschwächen.
Im Gegensatz dazu unterliegt VVC auf praktischer Anwendungsebene komplexen Autorisierungs- und Gebührenmodellen, und es gibt viele damit verbundene Patente und Lizenzgeber, was seine Werbeaussichten in den Bereichen Streaming Media und Consumer-Hardware trübt. Viele Branchenbeobachter weisen darauf hin, dass es im aktuellen Kontext des steigenden Kostendrucks und der Compliance-Risiken schwieriger ist, Patentstandards mit komplexen Lizenzstrukturen eine breite Unterstützung zu finden, während lizenzfreie Open-Source-Lösungen wie AV1 und AV2 attraktiver sind.
Obwohl es noch viele Jahre dauern kann, bis AV2 native Hardwarebeschleunigungsunterstützung in GPUs und verschiedenen Terminal-SoCs erhält, haben entsprechende Bereitstellungen auf der Ebene des Software-Ökosystems bereits begonnen. Die Community des Open-Source-Multimediaprojekts VideoLAN hat kürzlich den tragbaren AV2-Decoder dav2d veröffentlicht, der eine gezielte Optimierung auf verschiedenen Architekturen wie x86 (AVX2), ARM (AArch64 NEON), RISC-V usw. durchführt und eine grundlegende Implementierung für die AV2-Dekodierung auf Desktops, Servern und eingebetteten Geräten bereitstellt. Die erste Implementierung dieser Art von Software-Decoder wird technische Unterstützung für den Piloteinsatz von Browsern, Playern und Streaming-Media-Servern bieten.
Insgesamt bedeutet die offizielle Veröffentlichung der AV2-Spezifikationen, dass die Branche den Open-Source-Standard für lizenzfreie Videos weiter vorantreibt und ein neues Gleichgewicht zwischen Komprimierungseffizienz, Kostenkontrolle und ökologischer Offenheit anstrebt. Da sich immer mehr Software- und Hardwarehersteller an der Implementierung und Optimierung beteiligen, wird die Frage, ob AV2 in den Mainstream-Streaming-Medien und Consumer-Hardwarebereichen wie AV1 Fuß fassen kann, in den nächsten Jahren zu einem wichtigen Beobachtungsindikator im Bereich der Videokodierung werden.