Ein Forschungsteam unter der Leitung der Universität Göttingen untersuchte die morphologischen und funktionellen Unterschiede zwischen Insel- und Festlandpflanzen. Ozeanische Inseln sind wichtige Plattformen für das Studium von Ökologie, Biogeographie und Evolution. Viele bahnbrechende Entdeckungen, darunter Darwins Evolutionstheorie, wurden durch die Untersuchung der Wechselwirkungen der Arten auf diesen Inseln mit ihrer umgebenden biotischen und abiotischen Umwelt gemacht. Kürzlich hat ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Göttingen die Pflanzenwelt auf den Kanarischen Inseln Teneriffa eingehend untersucht.
Die Ergebnisse waren unerwartet: Die Insel verfügt über eine große Vielfalt an Pflanzenarten. Funktionell unterscheiden sich diese Pflanzen jedoch nicht wesentlich von denen auf dem Kontinent. Allerdings wird die Flora Teneriffas im Gegensatz zur Festlandflora von langsam wachsenden Gehölzen mit einer „risikoarmen“ Lebensstrategie dominiert. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht.
Forscher untersuchten, wie die Pflanzen auf Teneriffa anders funktionieren als in anderen Teilen der Welt. Sie führten umfangreiche Feldstudien und Messungen an mehr als 500 Standorten mit modernsten Methoden der funktionalen Ökologie durch. Diese Standorte sind über die gesamte Insel verteilt und reichen vom Meeresspiegel bis zu Berggebieten über 3.300 Metern über dem Meeresspiegel.
Inselpflanzen wie diese blühende krautige Pflanze (Echium wild pretii), bekannt als „Juwelenturm“, zeigen wunderbare Anpassungen an ihre lebende und unbelebte Umgebung. Untersuchungen zeigen, dass mittelgroße, langsam wachsende Gehölze die Flora Teneriffas dominieren. Bildnachweis: Jose María Fernandez Palacios
Die Wissenschaftler dokumentierten etwa 80 % der einheimischen Samenpflanzen Teneriffas und untersuchten acht Pflanzenmerkmale: Pflanzengröße, spezifische Holzdichte, Blattdicke, absolute und spezifische Blattfläche, Blatttrockenmasse, Stickstoffkonzentration im Blattgewebe und Samengewicht. Sie verglichen diese Daten mit denen von mehr als 2.000 auf dem Kontinent vorkommenden Pflanzenarten.
„Unsere Studie zeigt erstmals, dass die Entwicklung von Artengruppen auf den Kanarischen Inseln entgegen allen Erwartungen nicht zu einer Erweiterung der Breite unterschiedlicher Merkmale führt“, erklärt Professor Holger Kreft von der Forschungsgruppe Biodiversität, Makroökologie und Biogeographie der Universität Göttingen, der die Studie geleitet hat.
Frühere Vergleiche haben gezeigt, dass Arten, die auf Inseln vorkommen, sich stark von ihren Verwandten auf dem Festland unterscheiden können. Ein berühmtes Beispiel ist die Galapagos-Riesenschildkröte: Diese Art kommt nur auf den Galapagos-Inseln vor und ist aufgrund ihrer Anpassung an die Umweltbedingungen auf den Inseln viel größer als Riesenschildkröten auf dem Festland.
Das Team hatte erwartet, dass die Pflanzen auf der Insel denen auf dem Festland ähneln würden, aber das war nicht der Fall. „Stattdessen stellten wir fest, dass die meisten Arten den Zwängen des Inselklimas folgten. Dadurch entwickelten sich mittelgroße Gehölzarten. Diese Arten leben tendenziell auf Inseln mit begrenzten Ressourcen und einem hohen Aussterberisiko. Das heißt, sie wachsen langsam. Die hohe funktionelle Vielfalt ist vor allem auf Arten zurückzuführen, die auf der Insel und auf dem nahegelegenen Festland weit verbreitet sind“, erklärt Kreft.
Erstautorin Dr. Paola Barajas Barbosa erklärt: „Zu Beginn der Studie gingen wir davon aus, dass Inselpflanzen grundlegende Unterschiede aufweisen würden und ihre Funktionsvielfalt aufgrund ihrer geografischen Isolation eher begrenzt sein würde. Diese Ergebnisse entstanden im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der Universität Göttingen. Mittlerweile arbeitet sie als Forscherin am Deutschen Zentrum für Integrierte Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig. Umso überraschter waren wir, dass die Pflanzen auf Teneriffa eine relativ hohe Funktionsvielfalt aufweisen.“