Der Meeresseidenstoff glänzt wie gesponnenes Gold und soll die Legende vom Goldenen Vlies in der griechischen Mythologie inspiriert haben. Diese Seide wird aus der Byssusfaser der Mittelmeer-Riesenmuschel (Pinna nobilis) gewonnen, doch aufgrund der vom Aussterben bedrohten Art besteht die Gefahr, dass das traditionelle Handwerk verloren geht. Nun ist es Wissenschaftlern der Pohang University of Science and Technology in Südkorea gelungen, diesen legendären Stoff durch das Recycling von weggeworfenem Byssus der essbaren Muschel (Atrina pectinata) nachzubilden und den molekularen Mechanismus hinter seinem goldenen Glanz aufzudecken. Relevante Forschungsergebnisse wurden in Advanced Materials veröffentlicht.

Die Herstellung traditioneller Meeresseide lässt sich bis ins zweite Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen. Der Prozess umfasst das Sammeln, Waschen mit Meerwasser, Süßwasserentsalzung, Trocknen und Kardieren sowie das anschließende Einweichen in Zitronensaft, um den Glanz zu verstärken. Da die Mittelmeer-Riesenmuschel jedoch von der Europäischen Union als geschützte Art eingestuft wurde, ist diese Rohstoffquelle abgeschnitten.
Das Forschungsteam fand heraus, dass die Byssusfäden koreanischer essbarer Muscheln den Fasereigenschaften gefährdeter Arten sehr ähnlich sind und dass ihre Byssusfäden normalerweise als Abfall entsorgt werden. Durch die Nachahmung traditioneller Handwerkskunst gelang es dem Team, aus essbaren Muscheln goldene Seide zu spinnen, die fast der ursprünglichen Meeresseide ähnelt. Forscher des Naturhistorischen Museums in Basel (Schweiz) wiesen darauf hin, dass diese Entdeckung seit langem durch die Volkspraxis bestätigt wurde und italienische Weber unabhängig voneinander ähnliche Methoden ausprobiert haben.

Weitere Untersuchungen ergaben, dass der goldene Glanz von Meeresseide auf ihre einzigartige kugelförmige Proteinstruktur zurückzuführen ist und nicht auf das lineare Protein traditioneller tierischer Fasern. Diese Proteine ordnen sich selbst zu Nanofaserbündeln an, die durch Lichtinterferenzeffekte ein Schillern erzeugen. Durch die Behandlung mit Zitronensäure können die Eisenionen im Byssus entfernt werden, wodurch die goldene Farbe entsteht. Dieses Pigment ist äußerst stabil und kann Tausende von Jahren halten, ohne zu verblassen.
Diese Forschung bietet nicht nur eine Alternative zur Wiederbelebung des Seeseidenhandwerks, sondern könnte auch die Anwendung ungiftiger Goldpigmente in Textilien, Kosmetika und anderen Bereichen fördern.